Gefangen im arktischen Eis

Im Sommer 2015 waren wir auf unserer dritten Arktis-Reise. Und bisher lief alles eigentlich ganz gut. Wir hatten gerade einen ganzen Tag vor Anker verbracht: Im östlichsten Zipfel des Hornsundes im Süden von Svalbard. Da, wo eine riesige Gletscherwand sich vor uns auftürmte, und ein bitterkalter Wind winzige Eiskristalle über die riesigen Eisfelder aus dem Osten der Arktis zu uns herüberwehte. Der Hornsund ist einer der beeindruckendsten Fjorde, die ich auf meinen Reisen in diese Eis-Hölle gesehen habe.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns seit einem Monat vergeblich die Augen aus dem Kopf geguckt auf der Suche nach einem Eisbären. Aber dann war es endlich soweit. Wir wollten gerade in die Kojen schlüpfen, als plötzlich draußen die Möwen ein Riesen-Geschrei vollführten. Stefan schaute noch mal an Deck und elektrisierte uns sogleich mit der Information, dass tatsächlich ein ausgewachsener und höchst lebendiger Eisbär am Kiesstrand entlang trottete. Wir waren alle aus dem Häuschen und die Fotos hörten gar nicht mehr auf zu klicken. Da war er, der König der Arktis! Und zog in kompletter Ignoranz uns gegenüber zielstrebig von dannen, die Nase schnüffelnd in den Himmel gereckt. Nahrung ist selten in der Arktis, und irgendwas roch wohl appetitlicher, als wir. Beseelt von diesem Ereignis hatten wir nicht mehr allzu viele Erwartungen an das Abenteuer im ewigen Eis. Was sollte jetzt noch kommen?

Es kam am nächsten Tag: Im Überschwang der Ereignisse der letzten Nacht lichteten wir morgens den Anker, ständig Ausschau haltend, ob der Eisbär nicht doch noch irgendwo zu sehen wäre. Stattdessen sahen wir etwas anderes: Während wir unseren Weg durch zahllose kleine Gletschereisbrocken bahnten, so genannte Crawler, die kaum zu sehen sind, mussten wir feststellen, dass wir von Meereis umringt waren. Dieses Salzwassereis war auf einmal überall und blockierte unsere Ausfahrt aus dem Fjord. Nichts, worauf uns das Studium der Satelliten-Eiskarte vorbereitet hätte. Und nun? Was tun auf einer Kunststoffyacht?

Wir funkten die nicht zu weit entfernte polnische Polarstation an. Eine freundliche Dame dort war erfreut über die Konversation, und wie wir überrascht über die plötzliche Blockade des Fjords mit Eisschollen. Der Wetterfrosch der Station ergänzte zwar, dass es so gut wie windstill bleiben würde, und insofern im Moment keine Gefahr bestünde, vom Eis zerdrückt zu werden. Trotzdem war das der Moment, vor dem mich alle gewarnt hatten. Wie könnten wir uns aus dieser Situation befreien? 

Ich erinnerte mich, ein Kreuzfahrtschiff in einem der Seitenarme gesehen zu haben, und es kam der Gedanke auf, dieses Schiff zu fragen, ob wir im Kielwasser folgen könnten. Da aber keiner Erfahrung hatte, ob das überhaupt geht, legten wir diese Idee erst mal zur Seite. Um mir einen Überblick zu verschaffen, kletterte ich auf die zweite Saling und suchte durchs Fernglas eine Passage durch das Eis. Mein erster Eindruck: Nach 500 Metern ist offenes Wasser! Darum entschlossen wir uns, es zu wagen. Ich blieb in der Takelage und gab Anweisungen. Am Steuer stand Gustl, unser ehemaliger U-Boot-Fahrer. Mit kleiner Fahrt ertasteten wir uns den Weg. Ich gab immer wieder Anweisungen: Hart Steuerbord, kleine Fahrt voraus, 10° Backbord… was richtig super klappte. Stück für Stück manövrierten wir uns so voran, immer weiter in das Eisfeld. Allerdings: Je weiter wir kamen, umso enger wurde der Platz zwischen den Schollen. Meine Hoffnung, einen Weg ins offene Meer zu finden, löste sich immer weiter auf, je dichter und enger die Treibeisfelder wurden.

Und auch die Physik arbeitete jetzt gegen uns:  Kaum steuerten wir eine Eisspalte an, durch die wir gerade so hindurch passten, schoben sich die Eisplatten zusammen. Vertrackt, aber eigentlich saugte unser eigener Motor uns das Wasser ab. Man lernt doch nie aus! Vor allem ist gefrorenes See-Eis so dermaßen hart, dass man da lieber keinen Kontakt hat. Konnten wir uns an verschiedenen Stellen dann leider nicht mehr aussuchen, und ich kann verraten: Es hört sich fürchterlich an! Noch fürchterlicher war aber das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen. Nach vorne fanden wir keinen Weg mehr, nur zurück. Dann hatte Gustl, der alte Salzbuckel, die rettende Idee:

Er wusste, dass Eisschollen zu 90 % unter Wasser sind. Da die Eisschollen in unserem Weg einen bis zwei Meter aus dem Wasser schauten, errechnete er einen Tiefgang von locker 10 Metern. Schlussfolgernd würden die Eisschollen aufgrund ihres Tiefgangs auf der 10-Meter-Tiefenlinie hängen bleiben. Also wäre die nicht weit entfernte 5 Meter-Tiefenlinie entlang der Küste von Spitzbergen unsere Fluchtroute.

Und so war es  tatsächlich: Nach einem ganzen Tag mit kleiner Fahrt voraus durchs Meereis konnten wir im Flachwasser der Küste dieses Eisfeld umfahren. Wir mussten 50 Seemeilen dieses Gebiet Richtung Norden umfahren, dann war es geschafft. Nach weiteren 4 Tagen und mit insgesamt einem halben Tag Verspätung kamen wir in Tromsö überglücklich an. Aus lauter Dankbarkeit knöpfte uns der Vercharterer noch 500 Euro ab für die Verspätung. Aber egal, dieses Abenteuer war es wert!

Von Dirk Marquardt

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